Die Geschichte des Schwingens

Die Rauferei, der Zweikampf Mann gegen Mann, ist so alt wie die Menschheit. Die Chinesen führten schon 3000 vor Christus „Tage des Ringens“ durch, und im antiken Griechenland wurde der Ringkampf definitiv populär. Auch in vielen anderen Ländern gibt es verwandte Sportarten, zum Beispiel „Lucha Canaria“ auf den Kanarischen Inseln, „Ssireum“ in Korea oder „Glíma“ in Island. Letzteres ist dem Schwingen erstaunlich ähnlich, nur dass man in Island nicht Zwilchhosen trägt, sondern an einem Riemengeflecht Griff fasst. Eine interessante Kampfform finden wir auch im Südtirol, im Salzburgerland und in Bayern: das „Ranggeln“. Hier kämpfen die kräftig gebauten Burschen ganz in Weiss, in Leinenhemd und langer Hose, gegeneinander. Ziel ist es, den Gegner auf den Rücken zu werfen, sodass er mit beiden Schultern den Boden berührt. Das bekannteste Ranggler-Fest findet jeweils am Jakobstag auf dem Hundstein im Pinzgau statt, der Sieger darf sich als „Hogmoar“ feiern lassen.

Einen König gibt es dagegen nur im Schwingen. In der Schweiz. Auch die Zwilchhosen, die Sägemehlringe sowie Angriffsarten wie „Brienzer“, „Schlungg“ oder „Churz“ machen das Schwingen weltweit einzigartig. Doch wer genau hat ihn erfunden, diesen urschweizerischen Zweikampf? Anspruch darauf erheben viele: Die Appenzeller erklären, bei ihnen sei der Hosenlupf schon vor 1000 Jahren üblich gewesen. Die Berner Oberländer machen darauf aufmerksam, dass es auf der Burg Unspunnen um das Jahr 1215 erste Schwingerspiele gegeben haben soll; anlässlich der Versöhnung des Freiherrn Burkhart von Unspunnen mit Herzog Berchtold V. von Zähringen. Die älteste Abbildung des Schwingens finden wir derweil in der Kathedrale Lausanne: Im Chorgestühl ist eine Holzschnitzerei aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zu sehen, die zwei Wettkämpfer beim Grifffassen zeigt.

Albrecht Siegenthaler, langjähriger Archivar des Eidgenössischen Schwingerverbandes.
Starke Emmentaler

„Einen stichhaltigen Beweis, wo als erstes geschwungen worden ist, habe ich nicht gefunden“, sagt Albrecht Siegenthaler. Er hat 19 Jahre lang das Archiv des Eidgenössischen Schwingerverbandes geführt. Dort lagert eine Riesenmenge an Protokollen, Briefen, Chroniken und weiteren Dokumenten. In einem 1924 erschienenen Geschichtsbuch steht: „Fehlen auch genaue Berichte, so darf doch aus all dem Bekannten geschlossen werden, dass das Schwingen zuerst entstand, sich entwickelte und bodenständig blieb im Emmental, Oberland, im Entlebuch und Obwalden.“

So erstaunt es nicht, dass das Emmental schon manchen Schwingerkönig stellte. Sage und schreibe 13 von ihnen kamen aus der Gemeinde Trub. Jedes Jahr am Ostermontag sandten die Emmentaler und Oberländer ihre besten Schwinger nach Bern auf die Schanze, wo sie sich zur Freude des städtischen Publikums erbitterte Zweikämpfe lieferten. Die Emmentaler waren in der Regel kräftiger, die Oberländer dafür flinker. Wer auf der Schanze den Tagessieg errang, wurde als „Schwingerkönig“ bezeichnet. 1848 ging der Sieg an Mathias Wittwer aus Schangnau, genannt „der starke This“. Es wird erzählt, er habe einen „Schnägg“ (Wagen) mitsamt dem Heu einen Hang hinaufgetragen. Einmal habe er ein volles Weinfass bis in Brusthöhe gehoben und aus dem Spundloch getrunken. Sein Kopf soll so hart gewesen sein, dass man darauf Holz spalten konnte. Wie viel von der Überlieferung stimmt und wie viel im Laufe der Zeit dazugedichtet wurde, weiss der langjährige Archivar Albrecht Siegenthaler nicht. Fest stehe aber, dass Mathias Wittwers Nachfahren noch heute auf dem Bauernhof „Berg“ leben und in Anlehnung an ihren bekannten Vorfahren den Übernamen „Thisler“ tragen.

Brigitte Burri-Kunz, fünffache Königin.
Königin aus Trubschachen

Auch Trubschachen kam schon zu Königsehren. Bei den Frauen errang Brigitte Burri-Kunz den Titel von 2006 bis 2011 fünf Mal – etwas, das vor ihr noch keine Schwingerin geschafft hat. Sie gewann schon die ersten Mädchenschwingfeste, an denen sie teilnahm. Danach habe es bald geheissen: „Schwing doch bei den Erwachsenen mit!“, erzählte Brigitte Burri-Kunz einst in der Fernsehsendung „Aeschbacher“. Ihre Stärke kommt nicht von ungefähr. Weil der Bauernbetrieb zu Hause nur klein sei, habe der Vater auswärts arbeiten müssen, damit die Familie über die Runden komme. „Entsprechend mussten auch wir Kinder daheim anpacken.“

Fanden die ersten Schwingfeste zu besonderen Anlässen wie Kirchweihen statt, so hatte später fast jeder bodenständige Gasthof seinen Chilbisonntag, an dem die Sennen um ein Schaf oder andere Gaben schwangen. Den gnädigen Herren in Bern waren derartige Anlässe gar nicht genehm, wie einem Mandat von 1592 zu entnehmen ist: „Wir vernemmed auch, dass sidt etlichen Jahren die Sennen uff sonderbaren Abort gelegenen Höfen Chilbinen und Versammlungen habend und solches etlich Tag zuvor uskünden lassend, da den uff den vernamseten Tag und Ort eine grosse Menge der Sennen und Diensten und darunter auch viel der landschweifenden Mätzen sich versammlind und ein unordentlich Wesen führendt.“ Trotz mehrmals wiederholten Verboten und Mahnungen waren die Anlässe aber nicht mehr auszurotten.

Ärdeschön: die Lüderenchilbi.
Neue Kreise ansprechen

Grosser Beliebtheit erfreute und erfreut sich immer noch die Lüderenchilbi. Seit über 500 Jahren findet sie jeweils am zweiten Sonntag im August statt. An diesem Datum sollen der Sage nach zwei Sennen aus Sumiswald und Trub einen ganzen Tag lang geschwungen haben, doch keinem sei der Sieg gelungen. Also versprachen die beiden Männer, sich in genau einem Jahr wieder auf der Lüderen zu treffen, um den zähen Kampf fortzusetzen – was denn auch vor einer grossen Zuschauermenge geschah.

Seither hat sich das Schwingen gewandelt, das Publikums- und Medieninteresse ist rasant gestiegen. War das „Eidgenössische“ 2001 in Nyon mit 23‘000 Leuten am Samstag und 27‘000 am Sonntag nicht einmal ausverkauft, so waren die über 52‘000 Tickets bei den letzten „Eidgenössischen“ im Nu weg. Ja, es hätte sogar ein Vielfaches verkauft werden können. Die Entwicklung lässt sich auch an der Werbung erkennen. Das Festplakat des „Eidgenössischen“ 2013 in Burgdorf zeigte den mit dem Festlogo tätowierten Oberarm eines Schwingers, der nach der Zwilchhose seines Gegners greift. Die Organisatoren wollten damit zeigen, „dass Schwingen keine altbackene Angelegenheit ist, sondern äusserst modern“. Und: „Wir sprechen garantiert neue Kreise an, die sich bisher noch nicht fürs Schwingen interessiert haben.“

Das Plakat des „Eidgenössischen“ 2013.
Die Zeiten ändern sich

Tatsächlich ist das Klischee, dass an den Schwingfesten vor allem Stumpen rauchende Bergler auf den Zuschauertribünen sitzen, überholt. Junge Frauen in Hotpants, mit modischen Sonnenbrillen und Piercings sind mittlerweile ebenso fester Bestandteil des Publikums. Der Gabentempel besteht nicht mehr ausschliesslich aus Treicheln und verzierten Blumentrögli, sondern auch aus Hifi-Anlagen, Flachbildschirmen und Bargeld. Noch vor 20, 30 Jahren wäre das undenkbar gewesen. Doch jenen, die sich nun Sorgen um die Entwicklung der traditionellen Sportart machen, seien ein paar alte Begebenheiten erzählt. 1889 traf sich die Gesellschaft der schweizerischen Turnerfreunde in Zürich, um vaterländische und turnerische Fragen zu besprechen. Die neun Männer, so lesen wir in der Chronik nach, bedauerten „den Niedergang der nationalen Übungen durch den wuchernden Sport und allerlei ausländisches Gespiel wie Football und Lawn-Tennis“. Also habe sich der alte Schweizergeist trotzig aufgebäumt. Um „unserm Volke seine Eigenart wieder zum Bewusstsein zu bringen“, organisierte man auf der Zürcher Sihlhölzliwiese ein Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest. Daran beteiligten sich um die 70 Schwinger, dazu Hornusser, Jodler, Fahnenschwinger sowie Alphornbläser. „Die patriotische Stimmung dieses Festes und die Mannigfaltigkeit der Produktionen wirkten nun äusserst belebend auf die Pflege nationaler Übungen“, hielt der Chronist fest. Die Schwingerei blühte allenthalben auf, und der Boom gipfelte 1895 in der Gründung des Eidgenössischen Verbandes.

Anfang der 1970er-Jahre führte im Verband die Haarpracht von drei jungen Schwingern zu heftigen Diskussionen. Sie trugen die Haare etwas länger, und weil sie sich weigerten, umgehend den Coiffeur aufzusuchen, wurden sie 1971 vom Nordostschweizerischen Schwingfest ausgeschlossen. „Wer lange Haare trägt, schwitzt mehr und kann weniger denken“, lautete die Begründung der technischen Kommission. Die Eidgenössische Schwinger-, Hornusser- und Jodlerzeitung formulierte es so: „Die Mentalität vieler Langhaariger entspricht nicht der Art und dem Wesen der Schwingerei. Wenn wir bedenken, dass diese Ansichten in unserem Land eingeschleppt wurden von Gammlern, Tagedieben und Taugenichtsen, die nur bestrebt sind, unseren Staatsgedanken zu vergiften, unsere Heimatgefühle zu untergraben und gegen unsere Gesellschaftsordnung und alles in unserem Land Bewährte zu rebellieren und zu demonstrieren, muss das jeden rechtdenkenden Schweizer bedenklich stimmen, dass dies plötzlich zur Mode aller Jungen werden sollte.“ Punkt.

Schon oft hat die Mode seither geändert. Doch Anstand und Fairplay sind im Sägemehlkreis immer noch selbstverständlich. Am Anfang eines jeden Wettkampfs steht der Handschlag, und am Schluss wischt der Sieger dem Besiegten das Sägemehl von der Schulter. Heute genauso wie damals.

Text: Markus Zahno
Bilder: Schwingklub Trub, Markus Zahno, zvg